Leitlinien

Als Schlussfolgerung der intensiven Auseinandersetzung mit dem Terroranschlag in der deutschen Hauptstadt Berlin im Dezember 2016, der darauf folgenden medialen Diskussion sowie Gesprächen mit Journalisten und Experten formulierte der Masterstudiengang «New Media Journalism» 2015/2017 Leitlinien, um die Arbeit für Journalisten in solchen Extremsituationen zu unterstützen, und Fehler bei der Liveberichterstattung in Zukunft zu minimieren. Die Leitlinien dienen als Denkanstoss und sollen Medienschaffende einladen, sich vertieft mit der Problematik auseinanderzusetzen. Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird jeweils vom Journalisten in männlicher Form geschrieben. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

1. Das Verhalten des Journalisten am Tatort

1.1. Der Journalist leistet Erste Hilfe sofern nötig, ehe er mit der Berichterstattung beginnt.
1.2. Der Journalist behindert weder Rettungskräfte noch Behörden an ihrer Arbeit.
1.3. Der Journalist hält sich an die Weisungen der Polizei.
1.4. Der Journalist bringt sich selbst nicht in Gefahr.
1.5. Der Journalist bedrängt und überrumpelt weder Betroffene, Angehörige der Opfer noch Zeugen und akzeptiert ein «Nein».
1.6. Der Journalist berichtet sorgfältig, akkurat und sachlich.
1.7. Der Journalist dramatisiert nicht und verbreitet keine Panik.

2. Das Verhalten der Redaktion

2.1. Die Redaktion ordnet Bild- und Videomaterial ein und setzt dieses in den richtigen Kontext.
2.2. Die Redaktion überprüft und diskutiert immer das Material der Reporter vor der Veröffentlichung.
2.3. Die Redaktoren und Reporter streamen keinen «User Generated Content» live.
2.4. Die Redaktion macht keine Aufrufe für «User Generated Content» vom Tatort.
2.5. Die Redaktion tritt in Kontakt mit Korrespondenten vor Ort, welche die Region kennen und die Lage einordnen können.
2.6. Die Redaktion reflektiert im Nachgang die Berichterstattung.
2.7. Die Redaktion setzt interne Richtlinien fest und bietet dazu Workshops an.

3. Der Umgang mit Bildern des Terroranschlags

3.1. Der Journalist verbreitet keine Bilder, auf denen Gesichter von Toten und schwer verletzten Menschen oder verstümmelte Körper zu sehen sind.
3.2. Weder Reporter noch Redakteur zeigen Bilder von mutmasslichen Attentätern, ausser diese befinden sich auf der Flucht und stellen eine Gefahr für die Öffentlichkeit dar.
3.3. Der Journalist zeigt Bilder von Angehörigen und Betroffenen nur mit deren Einverständnis.
3.4. Verstörende und irritierende Bilder werden vom Journalisten eingeordnet und in den richtigen Kontext gesetzt.
3.5. Der Journalist verbreitet keine Bilder, die propagandistischen Zwecken dienen.
3.6. Bilder müssen vom Journalisten und Redakteur wegen Fälschungsgefahr zwingend verifiziert werden.

4. Die Verbreitung von Informationen

4.1. Der Journalist hält das Zwei-Quellen-Prinzip konsequent ein.
4.2. Der Journalist kennzeichnet Vermutungen, Gerüchte und nicht bestätigte Meldungen deutlich als solche.
4.3. Der Journalist vermeidet Spekulationen.
4.4. Der Journalist legt alle Quellen offen dar.
4.5. Der Journalist gibt Informationen der Behörden so schnell wie möglich weiter.
4.6. Der Journalist nennt Nationalität, politischen Hintergrund und Religion des Täters nur, wenn es zur Einordnung des Attentats notwendig ist.

5. Der Umgang mit Livestreaming

5.1. Der Journalist streamt während eines Terroranschlags nicht live.
5.2. Der Journalist streamt erst live, wenn der Tatort von der Polizei gesichert ist.
5.3. Der Journalist streamt keine Video-Sequenzen von laufenden Einsätzen der Polizei, welche deren Taktik und Aufenthaltsort preisgeben.
5.4. Der Journalist zeigt im Livestream keine Opfer, Betroffene oder Täter.
5.5. Der Journalist streamt nur zwecks Information live – und nicht zwecks Unterhaltung, aus kommerziellen Gründen oder um die Sensationsgier der Zuschauer zu befriedigen.