Mediale Diskussion

Live im Terror: Zuschauen, wegschauen? Das ist hier die Frage

Als die Flugzeuge ins World Trade Center krachten, gab es keine sozialen Medien im heutigen Sinne. Bandbreiten waren niedrig, Handys noch nicht allgegenwärtig, schon gar nicht flächendeckend mit einer optischen Linse ausgestattet. So verblieb die Liveberichterstattung beim Fernsehen. Die medienethische Reflexion darüber fand später statt.

Mit wachsenden Bandbreiten, besseren Handys und sich rasant verbreitenden sozialen Netzwerken hat sich neben der zeitlichen Dimension – der Möglichkeit zur Unmittelbarkeit –, auch das Sender-Empfänger-Verhältnis geändert. Nicht mehr Wissenschaft allein analysiert die medienethische Debatte: Was ist richtig? Was ist falsch? Was soll oder darf gesendet, gezeigt oder bekanntgegeben werden? Das Publikum schaltet sich öffentlich ein, in Echtzeit. Auf Facebook, auf Twitter, in den Kommentarspalten der Zeitungen. Je lauter das Rauschen, desto mehr Aufmerksamkeit wird ihm zuteil.

Aufmerksamkeit ist die Währung der Terroristen und Amokläufer

«Die Anschläge waren so geplant, dass sie zu einem über Stunden andauernden Live-Event des Schreckens wurden. Es ging darum, das Entsetzen der Menschen möglichst lange auszudehnen, sie medial an den sich entfaltenden Terror zu fesseln, dazu zu zwingen, hinzustarren, während unschuldige Menschen starben.»

Christian Stöcker (Redakteur)

Spiegel online, 16.06.2016

Dies stellt Medien seit jeher vor die Entscheidung, wie intensiv, wie ausführlich und mit welchen Mitteln sie berichten sollen beziehungsweise wollen. Wo endet die Chronistenpflicht, wo fängt die Sensationslust an? Geht es noch um Aufklärung? Im Zuge der Verbreitung von Social Media haben die klassischen Medien die Kontrolle über die Auswahl sowie den Zeitpunkt der Veröffentlichung von Informationen verloren.

«Die ständige Präsenz von Handys wird in naher Zukunft dafür sorgen, dass ein Anschlag oder eine Geiselnahme aus Opfer- oder Täterperspektive live oder nur wenig verzögert ins Netz übertragen wird. Und dann? Zuschauen? Wegschauen?»

Johannes Boie (Redakteur)

Süddeutsche Zeitung, 20.11.2015

Welche Auswirkungen und Konsequenzen das für die Liveberichterstattung – nicht nur bei Terror und Amok – haben kann, wird mittlerweile reflektiert. Zu Beginn eines Ereignisses ist häufig nicht klar, um was für ein Ereignis es sich handelt. Insbesondere nach dem Germanwings-Absturz wurde intensiv und grundsätzlich debattiert. Inhalte dieser Debatte prägen die medienethische Diskussion zu Liveberichterstattung, sei es bei Amokläufen oder Terroranschlägen, bis heute.

«… die Berichterstattung in Zeiten der Katastrophe [besitzt] eine offene Flanke: Ungewissheit im Verbund mit einem Geschwindigkeitsrausch, der im digitalen Zeitalter eine neue Stufe erreicht hat und die böse Absicht gar nicht braucht. (…) Wer meint, pausenlos berichten zu müssen, manövriert sich in ein Nachrichtenvakuum hinein. (…) Das Zusammentreffen von Katastrophe und rascher publizistischer Reaktion bedingt notwendig ein Faktizitätsvakuum. (…) Es ergibt sich überdies ein Interpretationsvakuum, das dann, wie geschehen, Experten der Luftfahrttechnik oder der Psychologie mit Spekulationen zur Absturzursache füllen. Schließlich erzeugt der Bilderhunger des Fernsehens und der Boulevardpresse notwendig ein Visualisierungsvakuum.»

Bernhard Pörksen (Medienwissenschaftler)

Zeit, 08.04.2015

«Mit der Einrichtung eines ‹Live-Tickers› nach jedem bewegenden Ereignis, ganz gleich ob Terroranschlag oder Flugzeugabsturz, verwischen sie den Unterschied zwischen Bedeutsamem und Nebensächlichem.»

Alice Bota (Redakteurin)

Zeit, 27.03.2015

Das Verhältnis von Medienkritik und Publikum hat sich im Echtzeitjournalismus gewandelt. Die Kontrolle darüber liegt nicht mehr allein bei den Experten.

«In der Tat sind es schwierige Zeiten für einen Medienethiker. Die Entrüstung über journalistische Fehlleistungen wird Teil der Aufführung. Medienkritik im Modus der Empörung oder Verachtung ist nicht hilfreich. Sie wird damit selbst zum Element einer von ihr kritisierten Medienwelt.»

Alexander Filipovic (Medienethiker)

Netzwerk Medienethik, 27.03.2015

Auf den Tweet – oben genanntes Zitat verkürzt – von Alexander Filipovic antwortete Tom Klein: «Ich würde es Echtzeit-Medienkritik nennen.» Stefan Niggemeier titelte in der FAZ «Jeder ist ein Medienkritiker». Das meedia-Magazin fasste eine Woche später die eindrückliche Debatte zusammen.

Die zeitliche Dimension live im Terror

«Ein Ereignis und die Kommunikation darüber sind im Netz untrennbar miteinander verbunden, vor allem, weil sie gleichzeitig stattfinden.»

Johannes Boie (Redakteur)

Süddeutsche Zeitung, 20.11.2015

Als Beispiel hierfür soll der Anschlag in Berlin dienen: Bereits am Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtmarkt am Berliner Breitscheidplatz bewerteten Medien die Liveberichterstattung vom Vorabend.

Die FAZ zum Beispiel stört sich daran, dass die Öffentlich-Rechtlichen zu lange ihr Abendprogramm laufen ließen, und reibt sich am Wort «Spekulation», das den Abend über im Zusammenhang mit dem Anschlag gebraucht wird, anstatt die Situation früher beim Namen zu nennen: Terroranschlag. Die Rheinische Post beschäftigt sich in ihrem Artikel mit der Gratwanderung, die Reporter und Moderatoren schaffen müssten «zwischen schneller Information und dem Vermeiden von Spekulationen und voreiligen Schlüssen» und reflektiert die Reaktionen der Nutzer im Netz.

«Generell kritisieren bei Twitter zahlreiche Nutzer in der Nacht auf Dienstag, dass die Medien am Anschlagsort filmen, statt abzuwarten, bis es genauere Informationen gibt.»

Christina Rentmeister (Crossmedia-Journalistin)

Rheinische Post, 20.12.2016

Wie es läuft, wenn das Timing nicht stimmt, erlebte ein Reporter der Berliner Morgenpost. Er war direkt vor Ort, als der Anschlag passierte. Er filmte mit dem Handy, auch Verletzte, veröffentlichte das Video auf dem Facebook-Account der Redaktion und löste damit Proteste aus. Das Video wurde gelöscht –  und am nächsten Morgen gekürzt auf der Website der Zeitung veröffentlicht.

Der Deutsche Journalisten-Verband reagierte auf die Veröffentlichung des Videos auf Facebook unverzüglich: am Tag nach dem Anschlag entschuldigte er sich bei den Opfern und deren Angehörigen.

«Das ist nicht der ganz große Scoop, ist nicht die Wahnsinnsstory, nach der Journalisten manchmal jahrelang suchen. Das ist nur wahnsinnig geschmacklos und ein Verstoß gegen den Pressekodex. (…) So arbeiten Journalisten in unserem Land nicht! Das verbieten ihnen ihr Informationsauftrag und das ethische Fundament, auf dem Journalistinnen und Journalisten stehen. Wir schämen uns.»

Hendrik Zörner (Pressesprecher)

Deutscher Journalisten-Verband, 20.12.2016

Ebenfalls wenige Stunden nach dem Anschlag denkt eine ze.tt-Reporterin über ihre Rolle auf dem Breitscheidplatz nach. Ihre Aufgabe: Reaktionen vor Ort, ein Stück mit Passanten.

«Wir alle sollten diese Idee verwerfen und überlegen, ob wir zukünftig nicht einfach auf die ‹Reaktionen von Menschen vor Ort› verzichten. Denn ganz ehrlich: Wie soll es Menschen, die weinen, Kerzen anzünden oder Blumen niederlegen denn schon gehen?»

Marieke Reimann (Stellvertretende Redaktionsleiterin)

ze.tt, 20.12.2016

Tags darauf fasst das Europäische Journalismus-Observatorium (EJO) an der Universität der italienischen Schweiz die Debatte in seinem Blog zusammen: «Für die Berichterstattung der Medien nach dem Anschlag in Berlin gibt es sowohl Lob als auch Kritik von anderen Medien.»

Wie berichtet wird, hängt von den redaktionellen Standards und ethischen Werten ab und ob diese auch in Extremsituationen greifen. Von Nutzerseite wird es ohnehin Lob oder Tadel oder beides gleichzeitig geben. Nicht jedem kann man es Recht machen. So bleibt die Möglichkeit, es für das eigene Medium, die eigene Zeitung Recht zu machen.

Bei den Anschlägen von Würzburg, Ansbach und dem Amoklauf in München haben die dortigen Lokalmedien sich darauf besonnen und ihre journalistischen Stärken ausgespielt: recherchieren, beobachten, verstehen und mit der nötigen Distanz berichten. Laut eigenen Aussagen haben sie dafür viel Zuspruch von ihrer Leserschaft erhalten, auch dass wichtige Artikel für die entscheidende Zeit vor die Bezahlschranke gelegt wurden.

«Auf der Facebook-Seite beschweren sich Nutzer direkt nach der ersten Veröffentlichung, dass die Beiträge auf mainpost.de hinter der Bezahlschranke liegen. (…) Viele Menschen sind in Angst und Sorge, weshalb die Redaktion spontan alle Beiträge zum Amoklauf vor die Bezahlschranke legt. (…) Nutzer bedanken sich. Die meisten erwarten, dass die Redaktion schon mehr weiß oder aber Informationen bestätigt oder korrigiert, die sie auf anderen Wegen erreicht haben.»

Attentat: Wie Journalismus in Echtzeit gelingen kann

Main-Post, 21.07.2016

Die Journalisten nahmen ihre Aufgabe wahr, relevante Sachverhalte von den nicht-relevanten zu unterscheiden und die relevanten zu vermitteln.

«Die Unterscheidung zwischen TV, Hörfunk und Print löst sich auf digitalen Kanälen auf. Der journalistische Auftrag, sorgfältig zu recherchieren und unaufgeregt zu informieren, gilt aber selbstverständlich in jedem Format, bei jedem Tempo. (…) Wir haben mit mancher Veröffentlichung länger gewartet, hatten dafür aber die Gewissheit, dass unsere Informationen stimmen.»

Michael Reinhard (Chefredakteur)

Main-Post, 21.07.2016

Die inhaltliche Dimension live im Terror

Auslöser für medienethische Debatten sind regelmässig das Zeigen von Bildern oder Videos, bei denen Opfer und/oder Täter nur unzureichend oder gar nicht verpixelt wurden. Spekulationen, die bewusste oder unbewusste Verbreitung von falschen Tatsachen oder von sogenanntem Täterwissen führen zu intensiven Debatten. Weiter wird meist darüber diskutiert, ob die Herkunft eines Täters wegzulassen oder zu nennen ist. Zudem lösen Timing, also der Zeitpunkt der Veröffentlichung, und Wortwahl Debatten aus, ebenso wie als Grenzverletzung empfundene Aktionen. Hier ist insbesondere das mediale Draufhalten bei Hinterbliebenen und Trauernden zu nennen.

Nicht gecheckt

Im «Netz» führten falsche Informationen wie beim Amoklauf in München zu Panik. Es gab Bilder der Toten, von Verletzten und des Täters, die ungefiltert und unverpixelt kursierten. In den sozialen Netzwerken fehlt (systemimmanent) eine Instanz, die vor der Veröffentlichung – wie eine verantwortungsvolle Redaktion – prüft, ob die Bilder echt sind, und reflektiert, was sie zeigen und wie sie entstanden sind. Im Fall München haben auch die etablierten Medien, Grenzen verletzt, was zu ausgiebigen Diskussionen innerhalb wie außerhalb der Medien geführt hat. Bildblog sammelte Titelbilder und Tweets.

Von dem Virus, schnell Bilder haben zu wollen, hat sich auch BR24 anstecken lassen und twitterte, ob denn jemand am OEZ (Olympiaeinkaufzentrum) unterwegs sei, mit Persicope. Der Tweet wurde schnell wieder entfernt. Gudrun Riedl, die Redaktionsleiterin von BR24, sagte gegenüber dem Medienmagazin ZAPP, dass das ein Fehler gewesen sei. Mit der Aufmerksamkeit und diesem Fokus hätte heutzutage so etwas fast Ewigkeitswert.

«Ob das die Zukunft des Journalismus ist?»

Martin Oswald (Leiter Content SRF Online)

Twitter, 22.07.2016

Die Beschreibung der Tat, die Beschreibung des Täters

Mit den Anschlägen in Paris verfolgten die Attentäter das Ziel der maximalen Aufmerksamkeit, da ein Millionenpublikum dem Fußballspiel zwischen Frankreich und Deutschland zusah. Attentate geschahen an verschiedenen Orten der Stadt, es starben viele Menschen. Die Liveberichterstattung erregte auf allen Ebenen die Gemüter: das Erste ließ zu lange die Sportreporter aus dem Stadion berichten, ein Zeitungsreporter rannte blindlings drauf los und hielt mit dem Handy drauf, Bild veröffentlichte Fotos von übereinanderliegenden Leichen, andere riefen den Krieg gegen den IS aus, das Peace-Zeichen mit Eiffelturm machte den Terror zur Marke. Bildblog hat die Debatte in einer kommentierten Linksammlung zusammengefasst. Rainer Stadler wundert sich in der Neuen Zürcher Zeitung:

«Sie [die Medien] sind gleichzeitig Ersatz-Pfarrer, Tröster, Organe zur Bewältigung von Schrecknissen (…). Die Berichterstattung vollzieht sich dann geradezu rituell. In der Not will man auch Helden sehen, selbst wenn es nur ein Hund ist. So wurde am Mittwoch und Donnerstag der Polizeihund Diesel weltweit berühmt, nachdem er im Kugelhagel von kriminellen Islamisten umgekommen war. Betroffene gaben auf Twitter die Parole «Je suis Chienne» heraus, woraus etliche News-Sites wiederum eine Nachricht konstruierten.»

Rainer Stadler (Medienkritiker)

Neue Zürcher Zeitung, 21.11.2015

Bei der Wortwahl zum Anschlag in Paris wähnte sich laut taz manch Herausgeber oder Chefredakteur auf der Ebene eines amerikanischen Präsidenten.

«Aber nicht berichten ist auch keine Option. Leser, ZuschauerInnen und Zuhörer haben ein Recht auf Informationen. Wie also wird man dem gerecht? Wie so oft liegt die Antwort im Wie – und auch da verlieren einige Medien in diesen Tagen jegliches Maß. Das Handelsblatt titelte am Montag ‹Weltkrieg III›, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ‹Weltkrieg›, die Bild am Sonntag ‹Krieg›.»

Anne Fromm (Medienredakteurin)

taz, 17.11.2015

In der Süddeutschen Zeitung beschäftigt sich Joseph Hanimann nach dem Anschlag von Nizza mit der Frage, wie Medien über Terroristen berichten sollen. Soll den Tätern ein Gesicht gegeben werden, während die Opfer anonym bleiben. Einige französische Medien sagten, sie wollten künftig auf Bilder verzichten, andere hielten dagegen und warnten vor einem Wettlauf der Selbstzensur. Wissenschaftler seien der Meinung, dass die Verbreitung der Bilder von Terroristen anregend auf Nachahmer wirke.

«Doch was ist mit der individuellen Kommunikation über soziale Netzwerke, die nach ihren eigenen Regeln funktioniert? Wenn sich die etablierten Medien selbst disziplinieren, warnt der Medienstratege Christian Harbulot, geben sie ihren Informationsauftrag preis. Hielten sie Bilder und Nachrichten zurück, würde das nur Verschwörungstheorien befeuern.»

Joseph Hanimann (Korrespondent, Essayist)

Süddeutsche Zeitung, 02.08.2016

In der Zeitung wird die Debatte wenige Tage später von Georg Mascolo und Peter Neumann weitergeführt. Sie haben Regeln für die Berichterstattung im Umgang mit Anschlägen aufgestellt, die die Journalisten Wolf Schneider und Paul-Josef Raue in ihrem Blog in Listenform zusammengefasst haben.

«Jedes vom IS oder seinen Anhängern produzierte Bild wurde für die Medien geschaffen. Es soll größtmögliche Verbreitung finden und muss deshalb als das behandelt werden, was es ist: ein Gegenstand der Propaganda. Bei solchem Material ist größte Zurückhaltung geboten. (…) Ohne Kontext und Einordnung sollten all diese Bilder überhaupt nicht verwendet werden. Und insgesamt nur sehr, sehr sparsam.»

«Bei der Sprache gilt Vorsicht so wie bei den Bildern. Täter ohne vorherige Anbindung an den IS werden in den Medien und auch in der Wissenschaft als ‹Einsame Wölfe› bezeichnet. Ein großes Wort für einen Mörder. (…) Ähnlich vorsichtig sollte man bei der Verwendung von Superlativen sein.»

Georg Mascolo (Journalist) und Peter Neumann (Experte für islamistischen Terror)

Süddeutsche Zeitung, 07.08.2016

Die Gefährdung von Menschenleben

Während die Polizei die Attentäter des Charlie-Hebdo-Anschlags jagte, gefährdeten einige französische Medien, auch der öffentlich-rechtliche Sender France 2, das Leben von Geiseln. Die FAZ beschäftigt sich im Nachgang mit diesen Fehlleistungen.

«Am Nachmittag meldete er [der Sender BFM TV] während der Live-Übertragung, dass sich eine Frau in der Kühlkammer versteckt habe.»

«Vor dem Eingreifen mussten die Polizisten im Hause gegenüber wartende Reporter, die zum Teil von den Balkons aus filmten, zum Verlassen auffordern: ‹Solange es Live-Bilder gibt, können wir nicht loslegen.›»

Jürg Altwegg (Journalist)

FAZ, 14.01.2015

Journalisten live im Terror

Wenig Aufmerksamkeit richtet die medienethische Debatte bisher darauf, was für Auswirkungen die Arbeit vor Ort während eines Terroranschlages oder Amoklaufs auf die Journalisten hat. Christian Jakubetz reflektiert in einem Beitrag des Medienmagazins ZAPP über den Amoklauf in München seine Rolle bei der Berichterstattung während des Amoklaufs im Münchner OEZ. Er berichtete live am Telefon für BBC World und Deutsche Welle TV. Im Nachhinein sagt er:

«Ich war auch überfordert an diesem Abend, weil solche Dinge einen auch emotional mitnehmen. Man ist ja keine Nachrichtenmaschine.»

Christian Jakubetz (Medienberater, Journalist)

ZAPP, 03.08.2016

Richard Gutjahr war sowohl in Nizza wie auch in München live vor Ort, was zu allerhand Verschwörungstheorien und Anfeindungen, selbst gegenüber seiner Familie, führte. In der September-Ausgabe des Medium Magazins spricht er über seinen Umgang damit.

«Ausgerechnet der Bayerische Rundfunk, mein Heimatsender, hat das Rohmaterial aus Nizza noch am selben Abend ungekürzt auf Youtube gestellt. Inklusive der Schreie meiner Familie, dem Weinen meines Sohnes. Hier war für mich eine Grenze überschritten.»

Richard Gutjahr (Journalist)

02.09.2016, medium magazin

Als während des Fußballspiels im Stade de France der Terror startete, lief das Spiel weiter, die Moderatoren kommentierten. Anschließend blieb das Erste mit den Sportmoderatoren auf Sendung, was den Programmmachern viel Kritik einbrachte. Die Süddeutsche beschrieb die Lage.

«‹Endlich im Flieger nach FRA… Danke für Schlaumeierkritik aus D. Tut gut nach so einer Nacht vor Ort im Auge des Terrors›, twitterte der Moderator [Matthias Opdenhövel].»

«‹Das war eine perverse Situation. Ich war überfordert. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, dass Menschen sterben während eines Sportereignisses. Es war grausam, mit Worten nicht zu beschreiben und zu lösen›, beschrieb Kommentator Tom Bartels am Samstag seine Gefühlslage während des Spiels.»

Filippo Cataldo (Reporter)

Süddeutsche Zeitung, 14.11.2015

Zukunft live im Terror

«Die redaktionelle Gesellschaft ist als Utopie zu verstehen: Alle Leute können kompetent über die Folgen ihrer öffentlichen Kommunikation nachdenken und danach handeln. Faktisch erleben wir das Gegenteil: die postredaktionelle Gesellschaft. Wir haben keine Redaktionen für unsere öffentliche Kommunikation. Wozu das führt, haben wir nach dem Attentat in Nizza gesehen und jetzt in München. Die Menschen halten ihre Kamera drauf und verbreiten Fotos, Videos und Falschmeldungen rasend schnell.»

Alexander Filipovic (Medienethiker)

taz, 27.07.2016

«Doch die Pflicht zur Sorgfalt geht heute auf einen jeden über, der solche Bilder filmt, sie ins Netz stellt oder anders weiterverbreitet.»

Georg Mascolo (Journalist) und Peter Neumann (Experte für islamistischen Terror)

Süddeutsche Zeitung, 07.08.2016