Nachbetrachtung Liveberichterstattung

Am 19. Dezember 2016 steuerte ein Terrorist einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. 12 Menschen starben, 56 wurden zum Teil schwer verletzt. Nach dem Terroranschlag vergingen nur wenige Minuten, bis erste Medien live vom Tatort berichteten oder gar auf Facebook live streamten. Dabei zeigten sich Stärken und Schwächen der Liveberichterstattung. Um diese zu erörtern, soll der Fall Berlin im Folgenden genauer unter die Lupe genommen werden.

Lastwagen

Personen getötet

Personen verletzt

Die Informationspolitik der Polizei Berlin

Die Polizei Berlin hat sehr schnell, regelmässig und ausführlich über den Terroranschlag informiert. Dies vor allem über Twitter, wo der Öffentlichkeit Fakten mitgeteilt, aber keine Gerüchte verbreitet wurden. Gleichzeitig hat sie auch darum gebeten, keine Bilder und Videos von Opfern zu veröffentlichen. Die Twitter-Meldungen der Polizei Berlin waren in den ersten Stunden die aussagekräftigsten und seriösesten Quellen und wurden von Medien oft zitiert.

Livevideos auf sozialen Netzwerken

Es dauerte an diesem Montagabend nur wenige Minuten, bis die ersten Bilder vom Breitscheidplatz veröffentlicht wurden. Vor allem auf Twitter und Facebook machten Gerüchte über einen Terroranschlag schnell die Runde. Ein Reporter der Berliner Morgenpost war zufällig vor Ort und entschloss sich, nach Absprache mit der Redaktion, wie er tags darauf schreibt, mit seinem Smartphone ein Video zu machen und jenes via die Facebook-Seite der Morgenpost live zu streamen. Als Zuschauer ist man mittendrin auf dem Breitscheidplatz, in der Schneise der Zerstörung, die der Lastwagenfahrer hinterlassen hat, am Tatort. Man kann die angespannte, ja surreale Atmosphäre förmlich spüren. Das Video zeigt aber auch Opfer, obwohl der Journalist versuchte, nicht direkt auf Verletzte zu halten. Er wurde attackiert, beschimpft, das Smartphone wurde ihm aus den Händen geschlagen. Er sagte, dass er die Wut durchaus verstehen könne.

Das Video erreichte auf Facebook mehrere Millionen Menschen, wurde aber noch in derselben Nacht gelöscht (Begründung). Später, als der Tatort bereits abgesperrt war, streamten weitere Medien live über Facebook. N24 streamte über vier Stunden und erreichte 14,7 Millionen Zuschauer. Auch die Livevideos von Bild (2,9 Millionen) und der Tagesthemen (1,1 Millionen) erreichten ein Millionenpublikum, wie Meedia berichtete.

Das Livevideo der Berliner Morgenpost wurde nicht nur auf Facebook und Twitter von Usern zum Teil scharf kritisiert, sondern löste auch beim Deutschen Journalisten-Verband eine heftige Reaktion aus. Ein Blog-Eintrag des Pressesprechers Hendrik Zörner trägt den Titel «Wir schämen uns»:

 

«Ein Reporter der Berliner Morgenpost hat Livebilder vom Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Facebook gepostet. Zu sehen waren auch Verletzte.

Als Journalist mit der Handykamera auf dem zerstörten Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz filmen, die Bilder auf dem Facebook-Account der Berliner Morgenpost live streamen – ungeschnitten, also auch mit Verletzten im Bild, mit Helfern. Das ist nicht der ganz große Scoop, ist nicht die Wahnsinnsstory, nach der Journalisten manchmal jahrelang suchen. Das ist nur wahnsinnig geschmacklos und ein Verstoß gegen den Pressekodex. Dass es bis nach Mitternacht dauert, bis die Morgenpost endlich die verstörenden Bilder abschaltet, macht die Entgleisung nur noch schlimmer.

Klar ist und klar muss sein: So arbeiten Journalisten in unserem Land nicht! Das verbieten ihnen ihr Informationsauftrag und das ethische Fundament, auf dem Journalistinnen und Journalisten stehen.

Wir schämen uns und bitten die Verletzten am Breitscheidplatz, die gegen ihren Willen auf das Morgenpost-Video geraten sind, um Verzeihung. Wir wünschen Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie so schnell wie möglich wieder gesund werden.»

Hendrik Zörner

Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbandes

Das von der Berliner Morgenpost gelöschte Video wurde zwar auf deren Facebook-Seite entfernt, ist jedoch noch immer auf YouTube auffindbar.
(Screenshot: Youtube)

Screenshot: Youtube

Die Livevideos von N24, Bild und der Tagesthemen sind weiterhin abrufbar:

Die TV-Berichterstattung

«Schlechter als CNN? Zuschauer rechnen mit Berlin-Berichterstattung von ARD und ZDF ab» schreibt die Huffington Post am Tag nach dem Terroranschlag. Stein des Anstosses war die späte Einschaltzeit der beiden öffentlich-rechtlichen Sender. Bis um 21.15 Uhr lief in der ARD die Quiz-Show «Wer weiß denn sowas XXL», im ZDF wurde der Spielfilm «Gotthard» gar bis 21.45 Uhr gezeigt. Zu jener Zeit war der amerikanische Nachrichtensender CNN bereits eine Stunde auf Sendung.

Der sich kritisch mit der Medienbranche auseinandersetzende Onlinebranchendienst Meedia und Spiegel Online kritisierten diese späte Reaktion der öffentlich-rechtlichen Sender ebenfalls. Auch inhaltlich unterschieden sich Angebote zum Teil massiv. Die Reporter von N24 und n-tv waren zwar schnell vor Ort, zeigten aber auch Sanitäter und Opfer in Grossaufnahme. Bei der ARD und im ZDF versuchten die Reporter ruhig zu bleiben, möglichst keine Spekulationen zu verbreiten und sich nur auf gesicherte Informationen zu stützen. Die journalistische Ethikstandards wurden eingehalten. Es schien, als hätten die Sender ihre Lehren aus dem Amoklauf vom 22. Juli 2016 in München gezogen, als über alle möglichen Tathintergründe spekuliert wurde. Das führte jedoch dazu, dass der Terroranschlag lange nicht als solcher eingeordnet wurde. Ganz anders bei CNN-Korrespondent Frederik Pleitgen, der schon früh von einem Terroranschlag sprach. Zeugenaussagen liessen für ihn keinen anderen Schluss zu. Medienkritiker Daniel Bouhs lobt in einem Interview hingegen die ARD-Berichterstattung, weil nicht unnötig spekuliert wurde. Das Wettrennen um eine möglichst frühe Sendezeit halte er nicht für angemessen.

Die Liveticker der Medienhäuser

Kurz nach dem Anschlag entschieden sich viele Medien für einen Liveticker oder -blog über die Ereignisse in Berlin. Zum Beispiel:

Liveticker geben einen guten Überblick, weil die Einträge chronologisch angeordnet werden und die aktuellste Meldung immer zuoberst steht (siehe Begriffsdefinitionen). Liveticker sind durch die Kürze der Mitteilungen sehr schnell, aber auch fehleranfällig. So machten noch am Montagabend Gerüchte über die Herkunft des mutmasslichen Täters die Runde, die von keiner Seite bestätigt und nachweislich falsch waren. Zumal der mutmassliche Täter später wieder freigelassen wurde. Journalistische Ethikstandards werden in Liveticker weniger beachtet, als in längeren, recherchierten Artikeln, in denen die Fakten überprüft wurden. Das sogenannte «Fact Checking» kommt in Livetickern wegen des Wettlaufs um die schnellsten und besten Meldungen zu kurz. Ähnlich verhält es sich bei Push-Nachrichten. Folgende Screenshots zeigen zwei Meldungen auf welt.de und eine Push-Nachricht von Focus Online.

Meldung von welt.de (19. Dezember 2016, 23.16 Uhr).
Meldung von welt.de (19. Dezember 2016, 23:29 Uhr).
Push-Nachricht von Focus Online (19. Dezember 2016).

Schlussbetrachtung der Berichterstattung

Was war gelungen?

Viele Medien informierten sehr schnell über die sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter)

Die Polizei Berlin hat die neusten Ermittlungsergebnisse laufend über Twitter veröffentlicht. Spekulationen ihrerseits blieben aus.

Informationen der Polizei Berlin wurden sofort weitergegeben, am TV, im Liveticker oder über die sozialen Netzwerke

Videos und Bilder gaben zeitnah einen Einblick ins Geschehen vor Ort

Es fand eine Reflexion der Berichterstattung statt

Was war weniger gut?

Videos, auf denen Opfer zu erkennen sind

Viele Spekulationen und Falschmeldungen in Livetickern

Öffentlich-rechtliche TV-Sender berichteten spät live vom Tatort

Vorteile/Nachteile der Liveberichterstattung in den sozialen Medien

Das Geschehen kann ohne Zeitverzögerung mitverfolgt werden

Dank mobiler Technik ist die Online-Berichterstattung schneller und flexibler als die TV-Berichterstattung

Liveticker können permanent aktualisiert werden und bietet einen guten Überblick, da man das Geschehene nachlesen kann

Beiträge in sozialen Netzwerken können einfach geteilt werden, was die Reichweite erhöht

Beim Livestreaming fehlt das Vieraugenprinzip. Die Inhalte werden dem Publikum ohne redaktionelle Kontrolle gezeigt

Der Wettkampf um Schnelligkeit erhöht die Fehleranfälligkeit, vor allem in Livetickern

Das so wichtige «Fact Checking» kommt im Kampf um die neusten Schlagzeilen abhanden. Es werden Gerüchte statt Fakten verbreitet

Fehlinformationen verbreiten sich rasend schnell und können nur schwer korrigiert werden